Eröffnung der Atelierkirche „Aus der Zeit“

Mit einem Gottesdienst wurde am Sonntag, 09.02.2020 die Atelierkirche „AUS DER ZEIT“ eröffnet.

Gottesdienst AUS DER ZEIT © Josh von Staudach

Daniel Beerstecher beim Slow Walk © Josh von Staudach

Daniel Beerstecher beim Slow Walk © Josh von Staudach

Beim Hineingehen in die Atelierkirche legen die Besucher*innen Handys und Uhren ab und gehen „AUS der ZEIT“ © Josh von Staudach

Die Gemeinde beim Slow Walk © Josh von Staudach

Robby Höschele liest aus dem Bibeltext Kohelet 3 © Josh von Staudach

Pfarrer Karl Eugen Fischer predigte über den Text aus Kohelet 3 „Alles hat seine Zeit“

Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: 2 Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; 3 töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; 4 weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit; 5 Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit; 6 suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit; 7 zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; 8 lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.

 

Pfarrer Karl Eugen Fischer © Josh von Staudach

„Da bildete Gott der Ewige, Adam, das Menschenwesen, aus Staub von der Erde und blies ihm den Atem des Lebens in seine Nase. Und so wurde der Mensch ein atmendes Leben.“

Windhauch, Windhauch“, sagt dazu Kohelet, der biblische Weisheitslehrer, der vor zweienhalb tausend Jahren die Gedanken über das Leben und die Zeit formuliert hat, die wir eben gehört haben.
Die Menschen, sagt er, sind kaum mehr als ein Windhauch. 

Denn: „Nimmst du weg ihren Atem, so vergehen sie und werden wieder Staub. (Ps 104,29))
Wir leben zwischen Staub und Sternen.

„alles liegt an Zeit und Glück“ Kohelet 9,11

Und manchmal findet uns das Glück,

finden wir das Glück. 

Das Ge- lücke

Die Lücke

in der Zeit 

aus der Zeit

Nach dem ersten biblischen Schöpfungsbericht 

entsteht die Zeit aus dem Chaos, 

durch die Trennung von Licht und Finsternis, 

durch den Wechsel von Tag und Nacht, 

von Arbeit- und Ruhe. 

Jenseits von Eden kommen hinzu:

Saat und Ernte

Frost und Hitze

Sommer und Winter.

Während im Kreislauf der Natur scheinbar alles wiederkehrt, 

ist für uns Menschen das Vergangene ein für alle mal vorbei 

und das Zukünftige, es ist nicht absehbar. 

Wir sind Vorübergehende. 

Kohlet sagt: Alles, was wir erleben, hat seine Stunde, (hebr. „Z’man“), 

alles Geschehen unter der Sonne, eine bemessene Frist. (hebr.: „Et“). 

Jede Zeit ist befristet,

hat ihren Anfang und ihr Ende. 

Die Zeit des Glücks 

ebenso wie

die Zeit des Unglücks. 

Gott sei dank. 

Wir leben ein- und ausgespannt 

in Raum und Zeit.

Geburt und Tod

Liebe und Hass 

Krieg und Frieden

Am Ende läuft alles auf dasselbe hinaus:

Am Anfang die Geburt, 

am Ende/Ziel der Frieden.

Schalom. Salam. 

Heilsein, Ganz -Sein, 

Frieden eben. 

Alle Werke, Widersprüche und Zeiten münden ein

in den Ruhetag: 

Schalom Schabat. Aus – Zeit

Das wischt die Gegensätze nicht weg. 

Aber es begrenzt ihre Macht.

In der Zeit / unter der Sonne

können wir nicht gleichzeitig: 

weinen und lachen, 

lieben und hassen, 

Leben heilen und Leben zerstören. 

Wir können entweder das eine oder das andere. 

Mehrere Dinge gleichzeitig tun

bekommt mir nicht,

macht mich krank. 

Alles hat seine Zeit. 

Alles braucht seine Zeit.

Zeit ist Begrenzung 

aber auch Befreiung: 

Aus der Zeit

Hass wird nicht immer sein, 

Krieg wird nicht immer sein. 

sondern:

„Du sendest aus deinen Odem, so werden sie geschaffen, und du machst neu das Antlitz der Erde.“ (Ps 104,
Das heißt: Es wird einmal sein,

dass die Blinden sehen

dass die Lahmen tanzen 

und die Armen nicht mehr 

kämpfen und sterben müssen

für die Reichen.  

Zeit und Ewigkeit 

„Gott hat die Ewigkeit in unser Herz gelegt.“ sagt Kohelet. 

Ewigkeit „Olám –

 das ist nicht: immer, 

immer weiter so – 

nein, 

Es ist erfüllte Zeit. 

Meine Zeit und Gottes Ewigkeit 

treffen sich im erfüllten Augenblick.  

„… die Ewigkeit ist uns ans Herz gelegt“

Das Herz ist nach orientalischer Vorstellung 

der Sitz des Verstandes, der Vernunft. 

Wir Menschen haben Zeit-Bewusstsein 

Wir können die Vergangenheit erforschen 

und die Zukunft be-denken. 

Wir können uns unseres Verstandes bedienen

um hier und jetzt das Gute zu erkennen und zu tun. 

Es geht darum, im Chronos, dem dahin fließenden Strom der Zeit

den Kairos, den richtigen Augenblick zu fassen. 

Was wir jetzt entscheiden 

hat Auswirkungen auf die Zukunft, 

das Leben unserer Kinder

Fridays for Future!

„Du sendest aus deinen Odem, 

so werden sie geschaffen, 

und du machst neu das Antlitz der Erde.“

Wir leben in verrückten Zeiten

Je mehr Zeit ich spare, 

umso weniger Zeit habe ich, 

umso oberflächlicher und flüchtiger 

wird meine Lebenszeit. 

Daniel Beestecher hat das erfahren, 

unterwegs, auf seinen vielen Reisen

durch Raum und Zeit.

Im Spiel mit Gegensätzen und Extremen 

hat er die Langsamkeit entdeckt.

Alles lief darauf hinaus,

auf seiner Wanderschaft 

ohne einen Cent in der Tasche quer durch Deutschland

im Boss-Anzug durch die Tundra,

im Segelboot auf Rädern über Land durch Patagonien

mit dem Surfbrett durch die Wüste 

mit seinem Vogel zwischen Dschungel und São Paulo

All das, so scheint mir, lief hinaus 

auf seinen Marathon im Sommer letztes Jahr

42 km im Slow Walk, 100 Meter pro Stunde.

Diese radikale Entschleunigung ist sein Protest 

gegen ein absurd beschleunigtes Leben.

Ein Leben ohne Lücke, 

Herz und Glück

Ein Leben immer weiter so: 

höher, schneller – Atemlos!

„Nimmst du weg ihren Odem, 

so vergehen sie und werden wieder Staub.

Daniel Beerstecher inspiriert mich, 

aus dieser Zeit auszusteigen 

und einzutauchen in eine andere Zeitwahrnehmung:

Wer langsam geht, kommt weiter. 

Wer langsam isst, schmeckt mehr, 

wer langsam liest, begreift, 

was in den Zeilen steht, 

Wer langsam einen Raum betritt, 

sieht Menschen besser, die dort sind. 

Es ist die Entdeckung der Langsamkeit, 

die kostbare, erfüllte Zeit.

Sie trägt die Spur des Ewigen in sich. 

Sie gibt mir Kraft,

mit der Zeit 

im Schweren das Leichte, 

im Entsetzlichen den Trost, 

im Leid die Hoffnung zu finden. 

Sie ist eine Kraft Gottes, 

die in den Schwachen mächtig ist, 

Die Zeit ist ein – ist mein Geschenk, 

um mit der Zeit das Gute in der Zeit zu tun. 

Das Gute, es wandelt sich 

von Zeit zu Zeit, 

und ist doch nur das Gute, 

wenn ihm das Licht der Ewigkeit

am Herzen liegt 

Wir sind Geschöpfe Gottes, 

ausgespannt und eingespannt 

in Raum und Zeit,

nach Gottes Bild geschaffen. 

Wir haben Anteil an der schöpferischen Kraft. 

Wir können und sollen: 

schöpferisch das Leben fördern. 

Die Zeit zur Freundin nehmen.

Sie feiern, statt sie unterwerfen.

Nicht gegen sie laufen 

sondern mit ihr leben,

sie mit Leben erfüllen 

und uns von ihr erfüllen lassen. 

Ewiger; du sendest aus deinen Odem, 

so werden sie geschaffen, 

und du machst neu das Antlitz der Erde. 

“Atem gottes hauch mich an
füll du mich wieder mit leben
dass ich was du liebst lieben kann
und rette was du gegeben

Atem gottes weh mich an
bis mein herz dir offen
bis ich was du willst wollen kann
im handeln und im hoffen

Atem gottes blas mich an
bis ich ganz dein werde
bis dein feuer in mir brennt
auf der dunklen erde

Atem des lebens atme in mir
lehr mich die luft zu teilen
wie das wasser wie das brot
komm die erde zu heilen”

(Dorothee Sölle, loben ohne lügen, gedichte, breathe on me breath of god nach Edwin Hatch 1889, S.26)

pedai